Was Kununu mit dem Wirecard Absturz zu tun hat

Es gibt eine Vielzahl von Ratgebern für Aktien, die zum Beispiel Tipps zum Kaufzeitpunkt oder zur Analyse der Preisentwicklung geben. Diese Analysen sind rein quantitativ, also basierend auf Zahlen, u.a. die Fundamentaldatenanalyse.

Wenn ich eine Sache während meines volkswirtschaftlichen Studiums gelernt habe, dann: Never overestimate math.

Privatpersonen, die sich langfristig ein Depot aufbauen wollen, sollten zusätzlich auf weitere qualitative Entscheidungsparameter zurückgreifen. Eine qualitative Bewertungsmethode ist beispielsweise Warren Buffets Annahme vom ‚Burggraben‘. Starke, international bekannte, Marken haben demnach einen Wettbewerbsvorteil gegenüber unbekannteren Konkurrenten. Ich möchte heute eine weitere qualitative Methode vorstellen, die mir vor allem bei der Entscheidung gegen eine Aktie hilft. Du kannst damit dein eigenes Set an Entscheidungsparametern ergänzen. 

Insiderinformationen aus 1. Hand 

Mein absoluter Geheimtipp wenn es um die Analyse von Aktien geht: Kununu und Glassdoor. Klingt erst mal komisch, ist aber ernst gemeint.

Die beiden Portale sind Bewertungstools für Arbeitgeber. Dort schreiben Bewerber und (Ex-)Mitarbeiter aus allen Entscheiderebenen und Unternehmensbereichen über ihre Erfahrungen bei dieser Firma. Ob Manager, Pförtner oder Praktikant, jeder kann seinen Senf dazugeben. Natürlich äußern sich ehemalige Mitarbeiter tendenziell eher negativ, das macht aber die negativen Eindrücke auch nicht weniger wahr. Außerdem stellt Kununu ganz transparent dar, ob es sich um eine Bewertung eines Ex-Mitarbeiters handelt.

Für wen lohnt sich der Kununu-Check

Fall 1: Du verfolgst schon länger die Entwicklung einer Aktie und die Fundamentalanalyse sieht gut aus. Trotzdem lohnt sich der Blick auf die Mitarbeiterstimmen. Falls irgendwas im Gang ist, wird sich das in den meisten Fällen durch einen Wandel der Bewertungskultur äußern.

Fall 2: Du legst Wert auf nachhaltige und sozialverträgliche Investments? Auch hier sprechen die Mitarbeiterstimmen eine klare Sprache und legen offen, ob man sich öffentlich nur einen diversen und fairen Anstrich verleiht oder ob sich das auch wirklich in der Firmenkultur widerspiegelt.

Fall 3: Du bist bereits investiert. Auch dann solltest du regelmässig die neuesten Bewertungen der Mitarbeiter checken. So verpasst du keine Trendwende und kannst im Zweifelsfall aussteigen, noch bevor sich der Wind an der Börse dreht.

Beispiel: Wirecard

Auch wenn sich aktuell viele überrascht geben: Wirecard stand bei vielen Anlegern schon lange auf der “roten Liste”. Das lag spätestens im Januar 2019 an der umfangreichen und kritischen Berichterstattung der Financial Times. 

Davor konnte man sich aber auch schon einen spannenden Einblick mit Hilfe der zahlreichen Kununu Bewertungen verschaffen. Nochmal: Natürlich hat jedes Unternehmen auch schlechte Mitarbeiterbewertungen auf diesen Portalen. Dennoch steht zwischen den Zeilen oft mehr, als man denkt. 

Ein kleiner Auszug gefällig? Alle Bewertungen, die wir aufführen, stammen von vor der Zeit der kritischen Berichterstattung und sind retrospektiv natürlich nochmal extra spannend. Eine Chronologie des Versagens:

Wirecard Kununu Bewertungen

Dezember 2018

Von der Plüschetage runterkommen und direkte Mailings vom Vorstand an alle Mitarbeiter kommunizieren! Loben und nicht immer größenwahnsinniger werden!!! Umstrukturierung mit Verstand angehen. Menschen / Mitarbeiter wertschätzen. Mehr Schein als Sein – Politics rule

Dezember 2018: 

– Keine Transparenz

– Keine Kommunikation auch von schlechten Neuigkeiten

– Schlechte Entscheidungen im Management

– Keine Einarbeitungsprogramme

– Wenig Wertschätzung für Mitarbeiter

– Kein angemessenes Gehalt

September 2018: 

Mitarbeitern besser oder überhaupt erst einmal zuhören, Vorschläge ernst nehmen. Unternehmenskommunikation überdenken. Fachliche Qualifikation und menschliche Eignung sollte über persönlichen Freundschaften stehen, wenn es um die Besetzung von Kontroll und Führungsfunktionen geht.

September 2018: 

außen hui, innen so eher lala

August 2018:  

…außer dem aufgeblasenen Aktienkurs und dem Drang nach Dax durch MB und natürlich seinem eigenen Ego nix.

August 2018: 

Vorgesetzte sollten auch wie Vorgesetzte handeln. Dies erfordert aber die nötige Qualifikation, die kaum einer hat!

Februar 2019: 

This company will do you no good. It won’t be prosperous to your career and there are good chances that your career will actually get damaged or even destroyed along the way.

Gesamtbewertung aller Einträge: 3,2 von 5 Sternen

Diese beiden stammen aus den letzten Monaten und sagen auch mehr als 1000 Worte: 

November 2019:

Absolut nicht würdig für einen vermeintlichen DAX Konzern. Vorgesetzte entscheiden nach Lust und Laune, keine sozialen Kompetenzen vorhanden. Die linke Hand weiß nicht was die rechte macht. Vorgesetzte sind nicht aufgrund ihrer Qualifikation in den entsprechenden Positionen, entschieden wird auch hier nach Lust,Laune und Wetterlage. Absolute Kontrolle der Mitarbeiter und eine JA-Sager-Mentalität ist hier eine unabdingbare Eigenschaft die eine Führungskraft zwingend mitbringen muss.

September 2019: 

Es macht den Eindruck willkürlich Mitarbeiter zu befördern, die schön brav mit dem Strom schwimmen und marionettenhaft parieren. Arbeitsaufteilung ist ein absoluter Fremdbegriff, Mitarbeiter werden überschüttet, man selbst ist seltenst produktiv. Keine Führung, mehr peitschenhaftes Dompteurverhalten.

Recherche lohnt sich

Das Beispiel Wirecard zeigt, was die eigenen Mitarbeiter schon mal bei Kununu öffentlich ausplaudern und dass sich diese wirklich kurze Recherchearbeit lohnt. Unfähige Führungskräfte, keine richtige Einarbeitung für neue Mitarbeiter, Größenwahnsinn, mehr Schein als Sein und sogar ein aufgeblasener Aktienkurs – und das nicht von einer einzelnen unzufriedenen Person, sondern verschiedene Mitarbeiter mit den immer gleichen Vorwürfen.

Die Mitarbeiter sitzen in jedem Unternehmen auf den Premiumsitzen und erleben aus nächster Nähe, was intern funktioniert und was eben auch nicht. Gerade die Stimmen von Sales/Vertriebsmitarbeitern können ein absoluter Frühindikator für die Geschäftslage sein.

Check doch mal die Bewertungen deines Arbeitgebers und finde heraus, wie viel Wahrheit in Bewertungen steckt.

Die Entscheidung gegen ein Investment

Letzten Endes ist das zu Rate ziehen von Kununu und Glassdoor hilfreich, wenn man vor dem Kauf einer Einzelaktie noch unsicher ist oder sich erstmal ein möglichst breites Bild des Unternehmens verschaffen will. Neben den Geschäftsberichten verraten die Mitarbeiter nämlich durchaus das ein oder andere, was in keinem Quartalsbericht der Welt zu finden ist.

Jeder, der sich über seine Investments vorab ausgiebig informiert und dabei nicht nur die klassischen Tools nutzt, sondern auch mal “out of the box” denkt und recherchiert, muss auch später keine Tränchen über massive Verluste wie bei der Wirecard Aktie verdrücken. Der Absturz war spätestens ab Februar 2019 vorhersehbarer als der ARD Fernsehfilm der Woche. Die Frage ware nicht ob, sondern wann und das ist für mich keine Basis für ein longterm investment.

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